GESCHICHTE.
Der Mitarbeiter ohne Berufshaftpflicht.
Es gibt ständig jemanden, der mir sagt, ich solle nicht ChatGPT benutzen. Diese oder jene KI sei viel besser. Schneller. Schlauer. Präziser. Für Architektur geeigneter. Für Recherche sowieso.
Meine Antwort ist inzwischen ziemlich einfach: Stell deiner KI eine Frage. Ich möchte die Antwort hören. Danach entscheide ich, ob ich sie mir genauer ansehe. Die Frage, die ich stelle, ist immer dieselbe.
Ein Bauvorhaben in Deutschland hat eine Million Euro anrechenbare Kosten. Ich bin als Architektin für die Leistungsphasen 1 bis 4 beauftragt. Honorarzone III, Mittelsatz. Wie hoch ist mein Honorar?
Klingt nicht besonders aufregend. Ist aber ein ziemlich guter Test.
Denn die KI muss dafür mehrere Dinge gleichzeitig richtig verstehen: die Honorarordnung, die Honorarzone, den Honorarsatz, die beauftragten Leistungsphasen und deren jeweiligen Anteil am Gesamthonorar. Sie muss also nicht nur irgendeine Zahl ausspucken, sondern mehrere Regeln korrekt miteinander verknüpfen.
Bislang war das erstaunlich schwierig. Viele KIs antworten sofort. Sehr selbstbewusst. Sehr ordentlich formatiert. Und falsch. Besonders sympathisch sind mir die Systeme, die auf 270.000 Euro Honorar kommen.
Der Rechenweg sieht auf den ersten Blick sogar ganz vernünftig aus: Die Leistungsphasen 1 bis 4 ergeben zusammen 27 Prozent. Also 27 Prozent von einer Million Euro. 270.000 Euro. Nur beziehen sich die 27 Prozent nicht auf die anrechenbaren Kosten, sondern auf das zuvor ermittelte Honorar.
Die richtige Antwort lautet: 35.092,31 Euro netto. Inhaltlich falsch. Wirtschaftlich reizvoll.
Natürlich verändert sich das ständig. Was heute nicht funktioniert, kann morgen schon besser sein. Deshalb teste ich immer wieder. Mich interessiert dabei nicht besonders, welche KI gerade als die beste gilt. Mich interessiert, welche mir bei einer konkreten Aufgabe tatsächlich Arbeit abnimmt. Und welche mir anschließend noch mehr Arbeit macht.
Korrektur heißt nicht Verbesserung.
Eine der unangenehmeren Lektionen habe ich bei einem Brandschutzkonzept gelernt. Der Text war fachlich sauber. Ich wollte ihn nicht neu schreiben lassen, nicht ergänzen, nicht verbessern. Ich wollte Korrektur.
Also ließ ich eine KI Korrektur lesen. Sie gab mir einen überarbeiteten Text zurück. Und ich machte den Fehler, ihn anschließend nicht noch einmal vollständig selbst zu lesen. Warum auch? Ich hatte ihn ja gerade Korrektur lesen lassen.
Also ging das Brandschutzkonzept ans Bauamt. Kurz darauf rief mich die zuständige Bauprüferin persönlich an und fragte, was ich denn da gemacht hätte. Unter anderem standen plötzlich Paragraphen im Text, die dort überhaupt nichts zu suchen hatten. Das war ziemlich peinlich.
Seitdem gilt für mich eine sehr einfache Regel: Alles, was eine KI bearbeitet hat, muss anschließend noch einmal von mir geprüft werden.
Was natürlich zu einem gewissen logischen Problem führt. Wenn ich einen fertigen Text von einer KI Korrektur lesen lasse und ihn anschließend selbst noch einmal vollständig Korrektur lesen muss, dann hat die KI einen Teil ihres Nutzens gerade wieder aufgefressen.
Aber genau da liegt eine der wichtigsten Grenzen. KI kann Arbeit beschleunigen. Sie erzeugt gleichzeitig eine neue Aufgabe: Kontrolle.
Und je fachlicher, rechtlicher oder finanziell relevanter eine Aufgabe ist, desto wichtiger wird diese Kontrolle. Bei einer Bildunterschrift ist ein Fehler ärgerlich. Bei einem Brandschutzkonzept ist er etwas anderes.
Ein sehr schneller Mitarbeiter.
Trotzdem arbeite ich inzwischen ständig mit KI. Nicht mit einer. Mit mehreren. Ich teste verschiedene Systeme, vergleiche Ergebnisse, werfe Aufgaben von einer KI zur nächsten und benutze manche nur für ganz bestimmte Dinge.
Recherche.
Struktur.
Texte.
Berechnungen.
Varianten.
Bilder.
Zusammenfassungen.
Gegenargumente.
Manchmal brauche ich einen Sparringspartner. Manchmal jemanden, der mir aus einem Berg von Gedanken eine brauchbare Ordnung baut. Manchmal eine zweite Meinung. Und manchmal schlicht jemanden, der um zwei Uhr morgens noch da ist. Der Mitarbeiter ohne Berufshaftpflicht arbeitet immerhin schnell. Dafür erfindet er gelegentlich Paragraphen.
Nicht wissen ist kein Problem.
Das eigentlich Gefährliche an KI ist für mich nicht, dass sie etwas nicht weiß. Menschen wissen auch Dinge nicht. Das Problem ist, dass eine KI häufig nicht sagt: Ich weiß es nicht.
Sie sagt stattdessen etwas. Und zwar oft sehr überzeugend. Genau das macht sie in Fachgebieten so tückisch.
Eine Antwort kann sprachlich hervorragend sein, logisch wirken, sauber gegliedert sein und trotzdem auf einer falschen Annahme beruhen. Wer das Fachgebiet nicht kennt, merkt es womöglich nicht. Wer es kennt, hat einen sehr leistungsfähigen Helfer. Das ist ein erheblicher Unterschied.
Besonders gefährlich wird es übrigens, wenn man die KI auf einen Fehler hinweist. Dann entschuldigt sie sich, erklärt einem ausführlich, warum man recht hat, korrigiert die Antwort und versichert sinngemäß, sie habe es jetzt verstanden. Das sollte man nicht mit Lernen verwechseln. Beim nächsten Mal kann sie denselben Fehler mit derselben Überzeugung wieder machen.
Was sie wirklich gut kann.
Am stärksten finde ich KI dort, wo es nicht darum geht, mir Fachwissen vorzutäuschen, sondern mit meinem Fachwissen weiterzuarbeiten. Wenn ich ihr Informationen gebe, Zusammenhänge erkläre, Rahmenbedingungen setze und anschließend mit ihr Varianten durchspiele, kann sie erstaunlich hilfreich sein.
Sie strukturiert. Sie widerspricht. Sie fasst zusammen. Sie zeigt Lücken. Sie findet andere Blickwinkel. Sie kann aus zwanzig ungeordneten Gedanken plötzlich fünf brauchbare Themen machen. Sie kann einen viel zu langen Text kürzen, ohne seinen Kern zu verlieren. Oder zumindest behaupten, dass sie das könne. Dann lese ich eben noch einmal.
Gerade beim Schreiben empfinde ich das inzwischen als enorme Unterstützung. Ich gebe Inhalt, Haltung, Erfahrungen, manchmal auch einfach einen ziemlich ungeordneten Gedankenstrom hinein. Die KI sortiert. Das ist etwas anderes, als ihr zu sagen: Schreib mir einen Text über Architektur.
Dann bekommt man häufig genau das, was man erwarten würde. Einen Text über Architektur.
Die eigentliche Arbeit bleibt.
Vielleicht ist das überhaupt der Punkt. KI nimmt mir nicht die Verantwortung für eine Arbeit ab. Sie verändert, wo meine Arbeit liegt. Ich muss nicht mehr alles selbst formulieren. Aber ich muss beurteilen, ob die Formulierung stimmt. Ich muss nicht jede Information selbst finden. Aber ich muss wissen, welche Information plausibel ist. Ich kann schneller Varianten erzeugen. Aber ich muss entscheiden, welche davon sinnvoll ist. Das kann Zeit sparen. Sehr viel sogar.
Es kann aber auch dazu führen, dass man drei Stunden lang versucht, einer Maschine zu erklären, warum ein Fenster in einer Haustrennwand keine besonders gute Idee ist.
Also: Kann KI Architektur?
Die Frage finde ich eigentlich gar nicht besonders interessant. KI kann rechnen, schreiben, recherchieren, Bilder erzeugen, sortieren, vergleichen und ziemlich überzeugend Unsinn erzählen.
Architektur ist etwas anderes. Architektur besteht aus Entscheidungen. Aus Verantwortung. Aus Abwägung. Aus Wissen darüber, wann eine Regel gilt und wann sie gerade nicht reicht. Aus Erfahrung. Und gelegentlich aus dem Verdacht, dass etwas nicht stimmen kann, obwohl auf dem Papier zunächst alles richtig aussieht.
Dabei kann KI sehr hilfreich sein. Manchmal erstaunlich hilfreich. Aber ich würde ihr keine Berufshaftpflicht abkaufen. Und bis sie eine hat, lese ich lieber noch einmal selbst.

