FELDNOTIZ 03 · CASTEL SAN LORENZO

Die Piazza war
längst da.

VOR DEM ERSTEN GANG

Ein Abend, vier Gänge und die Frage, wie eine Landschaft auf den Tisch kommt, ohne zur Kulisse zu werden.

Gegen Abend wird das Licht auf der Piazza von Castel San Lorenzo flacher. Es fällt nicht mehr von oben, sondern streicht über die Fassaden, bleibt an Fensterläden hängen und zieht die Schatten der Platanen über das Pflaster. Die Hitze ist noch da. Nur ihr Gewicht verändert sich.

Die Kinder haben den Platz längst übernommen. Ein Ball rollt unter eine Bank, ein Hund hält ihn für seine Angelegenheit, zwei Jungen sind anderer Meinung. Vor dem Brunnen sitzen die Männer, die dort vermutlich schon saßen, bevor irgendjemand beschloss, diesen Abend in vier Gänge zu teilen. Sie reden über Politik, die Olivenernte und Menschen, die gerade nicht anwesend sind. Jeder Satz wird mit einer Handbewegung geprüft.

Von einem Balkon ruft eine Frau nach ihren Enkeln. Sie gießt Basilikum, obwohl der Topf noch feucht aussieht, und zerreibt ein Blatt zwischen den Fingern. Nicht, um eine Atmosphäre herzustellen. Sie prüft, ob es noch duftet.

Ein Dorf muss nicht für Gäste erwachen. Es war die ganze Zeit da.

Dann kommen die Ziegen. Nicht als Bild des Südens, sondern weil ihr Weg durch das Dorf führt. Die Glocken sind zuerst zu hören, danach schiebt sich die Herde zwischen Bank, Brunnen und spielenden Kindern hindurch. Niemand unterbricht deshalb ein Gespräch. Ein Hirt hebt kurz die Hand. Eine Ziege findet ein Stück Brot. Der Ball muss warten.

Vor der Trattoria wird ein Tisch vorbereitet. Gläser, kleine Teller, eine Flasche, Besteck. Nichts Besonderes, bis die Dinge nebeneinanderstehen. Im Glas kein grelles Orange, sondern ein heller Aperitivo, fast durchsichtig. Daneben drei Bissen: Parmesan und eine Creme aus Burrata, ein frittierter Raviolo mit Ricotta und Zimt, ein kleines Gebäck mit Fenchel, süß und salzig zugleich.

Man könnte jedes Detail erklären. Woher der Käse kommt. Warum Zimt in der Füllung liegt. Wie aus Tomaten klares Wasser wird. Aber zunächst genügt, dass alles auf den Tisch gehört. Der Aperitivo ist keine Zusammenfassung des Cilento im Kleinformat. Er ist der Anfang eines Gesprächs.

Später werden Lagane und Kichererbsen folgen, Fleisch aus den Hügeln, Kartoffel und Polenta, schließlich Zitrone. Vier Gänge können eine Landschaft nicht abbilden. Sie können nur Beziehungen sichtbar machen: zwischen Feld und Küche, Tier und Zeit, Armut und Erfindung, dem Überlieferten und dem, was eine Köchin heute daraus macht.

Der Reichtum dieser Küche liegt nicht in der Zahl ihrer Zutaten. Er liegt in der Genauigkeit, mit der nichts für nebensächlich gehalten wird. Ein Knochen wird Fond. Brot bekommt einen zweiten Auftritt. Die Kichererbse darf zerfallen und bleiben. Zitrone ist Säure, Duft und Erinnerung zugleich.

Auf der Piazza wird das Lampenlicht sichtbar. Die Männer sprechen noch immer. Die Kinder inzwischen auch, nur lauter. Irgendwo schlägt Geschirr aneinander. Der erste Schluck ist kühl, das Parmesanblatt bricht hörbar.

So beginnt die Reise nicht mit einer Erklärung und nicht mit einem Bild. Sie beginnt an einem Tisch, während um ihn herum niemand so tut, als müsse jetzt etwas beginnen.

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