GESCHICHTE.

’O CCAFÈ

Neapel
Ein paar Schlucke, eine sehr heiße Tasse und kaum Zeit zum Sitzen. Der neapolitanische Caffè ist weniger Pause als Unterbrechung.

Wer in Neapel einen Kaffee bestellt, bestellt keinen Espresso. Er bestellt nu ccafè. Mehr muss man eigentlich nicht sagen. Und meistens hat man auch gar nicht die Zeit dazu.

Ein neapolitanischer Caffè ist klein, sehr heiß und vorbei, bevor das Wort Pause überhaupt zu Ende gedacht ist. Man geht an die Bar, bestellt, trinkt und geht wieder. Andere Menschen setzen sich für Kaffee hin. Neapel erledigt das im Stehen.

AM TRESEN.

Die Tasse ist klein und dickwandig. Der Kaffee dunkel, konzentriert und von einer dichten Crema bedeckt. Dazu ein Glas Wasser. Das Wasser trinkt man vorher. Nicht, weil nach dem Caffè plötzlich großer Durst zu erwarten wäre, sondern weil der Mund vorher neutral sein soll. Danach soll schließlich der Kaffee bleiben.

Schwarzweißfotografie einer Espressomaschine, die Kaffee in zwei Tassen gießt
© Roland Nagel

Dann kommt der erste Schluck. Sehr heiß. Wer die Tasse zum ersten Mal anfasst, lernt außerdem schnell, warum sie einen Henkel hat. Viel Zeit zum Nachdenken bleibt ohnehin nicht. Ein paar Schlucke. Tasse zurück auf die Untertasse. Fertig.

DUNKEL. KURZ. DICHT.

Der typische neapolitanische Caffè ist kein zartes Getränk. Traditionell wird eher dunkel geröstet. Mischungen mit Robusta sind verbreitet. Gesucht werden Körper, Bitterkeit, Röstaromen und jene Dichte, die einen winzigen Caffè erstaunlich lange im Mund bleiben lässt.

In der Bar kommt er aus dem Siebträger. Kurz extrahiert, wenig Flüssigkeit, viel Geschmack. Man kann darüber selbstverständlich sehr viel komplizierter sprechen. In Neapel wird er derweil getrunken.

ZUCCHERO?

Auch über Zucker kann man Grundsatzdiskussionen führen. In manchen traditionellen Bars begegnet einem noch die cremina: Zucker, mit den ersten Tropfen Kaffee zu einer hellbraunen Creme geschlagen. Süß, dicht, beinahe ein kleines Dessert auf dem Boden der Tasse. Man kann den Caffè natürlich auch ohne Zucker trinken. Das muss jeder selbst wissen. Neapel ist schließlich nicht für Zurückhaltung bekannt, wohl aber für Meinungen.

UND ZU HAUSE?

Da wird es weniger feierlich. Die Moka steht auf dem Herd. Wasser hinein, Kaffee hinein, zusammenschrauben, Herd an. Warten. Nicht lange.

Heute steht in vielen italienischen Küchen allerdings noch etwas anderes. Eine kleine Kapselmaschine. Markus findet das überzeugend.

„Wir könnten auch so eine kaufen.“

„So eine was?“

„Kapselmaschine.“

Elena sah ihn an. „Wir haben eine Moka.“

„Das weiß ich.“

„Also?“

„Knopf drücken.“

„Wir haben eine Moka.“

„Genau.“

Damit war das Gespräch vorläufig beendet. Nicht die Sache. Denn Tradition und Bequemlichkeit schließen sich in italienischen Haushalten erstaunlich problemlos gegenseitig nicht aus.

UND DIE CUCCUMELLA?

Die war vorher da. Die neapolitanische cuccumella arbeitet ganz anders als die Moka. Kein Druck treibt das Wasser durch den Kaffee. Sobald das Wasser heiß ist, wird die Kanne umgedreht. Dann läuft es langsam durch das Kaffeemehl. Schwerkraft statt Druck. Früher setzte man auf die Tülle gern ein kleines Papierhütchen, den cuppetiello, damit möglichst wenig Aroma entwich. Das dauert. Und vielleicht liegt genau darin der größte Unterschied zum heutigen Caffè.

Die Cuccumella gehört längst nicht mehr selbstverständlich zum neapolitanischen Kücheninventar. Sie ist Geschichte, Erinnerung, manchmal ein Gegenstand für Liebhaber. Meine habe ich übrigens nicht in Neapel gefunden. Sondern auf einem Antikmarkt in Feltre. Norditalien. Man kann die Dinge schließlich nicht immer dort finden, wo sie hingehören.

TAZZINE.

Und dann sind da noch die Tassen. Klein. Dickwandig. Gerade groß genug für einen Caffè. Sie müssen nicht zusammenpassen. Eine kommt aus Neapel. Eine vom Markt. Eine war irgendwo besonders schön. Eine durfte einfach mit. So entsteht mit der Zeit eine Sammlung, ohne dass jemand beschlossen hätte, eine Sammlung anzulegen. Ab und zu kommt eine dazu. Und irgendwann stellt man fest, dass man erstaunlich viele sehr kleine Tassen besitzt.

PAUSA.

Am Ende führen Siebträger, Moka und Kapselmaschine zu demselben kleinen Moment. Die Cuccumella nimmt einen Umweg. Eine Tazzina. Ein paar Schlucke. Dann geht es weiter. Denn ’o ccafè ist keine Aufforderung, den Nachmittag in einem Sessel zu verbringen. Er unterbricht den Alltag gerade lange genug, um ihn anschließend fortzusetzen. Vielleicht ist das der Grund, warum er so gut zum Arbeiten passt.

Kurz aufstehen. Caffè. Weiter.