GESCHICHTE.

Wo ist eigentlich Cilento?

Cilento, 2024

„Cilento“, sagte Elena.

Markus sah nicht vom Bildschirm auf.

„Mhm.“

„Weißt du, wo das ist?“

„Italien.“

„Danke.“

Sie hatte die Karte geöffnet. Der kleine rote Punkt lag südlich von Neapel, weiter südlich als die Amalfiküste, von der sie zumindest ungefähr wusste, wo sie war. Sie zoomte heraus.

Kampanien. Salerno. Noch ein Stück.

„Ach da.“

Markus kam herüber. „Wo?“

Elena zeigte auf den Bildschirm. „Da.“

Das war zunächst alles, was sie über das Cilento wussten. Der Name war Elena schon einmal begegnet. Irgendetwas mit Nationalpark. Markus erinnerte sich an George Clooney. Der war dort mit dem Motorrad unterwegs gewesen und hatte einen Unfall gehabt.

„Das weißt du?“

„Offensichtlich.“

Es war keine besonders belastbare Grundlage für einen Immobilienkauf. Elena öffnete einen neuen Tab. Cilento. Berge. Meer. Olivenbäume. Kleine Orte auf Hügeln. Strände, die auf sämtlichen Bildern im schönsten Licht fotografiert waren. Sie wurde misstrauisch.

„Sieht sehr schön aus.“

„Das sollen die Bilder vermutlich.“

Sie suchte weiter. Nationalpark. UNESCO. Paestum. Büffelmozzarella.

„Mozzarella.“ „Das ist schon besser.“

Markus setzte sich wieder. Elena blieb bei der Karte. Neapel war weiter weg, als sie gedacht hatte. Salerno näher. Es gab einen Bahnhof in der Gegend. Irgendwo einen Flughafen, von dem sie noch nie gehört hatte. Straßen wanden sich in engen Linien durch die Berge.

Sie wechselte auf Satellitenansicht. Das Haus lag nicht am Meer. Das Meer lag da hinten. Dazwischen: Hügel.

„Das sind ganz schön viele Berge.“ „Hügel.“ „Das sagst du jetzt nur, weil das Haus 29.00 Euro kostet.“

Markus antwortete nicht. Elena setzte ein kleines gelbes Männchen auf eine Straße. Es landete vor einer Mauer. Noch einmal. Eine Kreuzung. Ein Lieferwagen. Drei Häuser. Wäsche auf einem Balkon.

Noch einmal. Eine schmale Straße, Olivenbäume und nichts. Das gefiel ihr besser als die Strandfotos. Sie begann Entfernungen zu messen.

Zum Meer. Zum nächsten größeren Ort. Nach Salerno. Zum Flughafen.

Dann gab sie den Namen des Dorfes ein. Weniger Ergebnisse. Sie fand eine Bar, eine Apotheke, eine Kirche, ein Restaurant mit sechs Bewertungen und Fotos von sehr großen Tellern. Einen Supermarkt gab es im Nachbarort.

„Es gibt eine Bar.“

„Dann geht es.“

Am nächsten Abend wusste Elena, dass im Cilento weiße Feigen wachsen. Zwei Tage später wusste Markus, wie viel Niederschlag dort im Winter fällt.

Sie fanden Busfahrpläne, Immobilienforen, Wanderwege, Gemeindeseiten und einen deutschen Reisebericht aus dem Jahr 2011. Sie lernten, dass zwanzig Kilometer auf einer italienischen Landkarte keine brauchbare Angabe darüber waren, wie lange man für zwanzig Kilometer brauchte.

Sie sahen Videos von Dörfern, in denen mittags niemand zu sehen war. Sie lasen über heiße Sommer und feuchte Winter.

Über Wildschweine. Über Erdbeben. Über Oliven. Über Häuser.

Das Cilento wurde dabei nicht vertrauter. Nur genauer.

Eine Woche nach dem Inserat hatte Elena auf ihrem Rechner einen Ordner angelegt. ITALIEN HAUS. Darin lagen das Exposé, zwei Karten, Flugverbindungen, eine Liste mit Fragen und siebzehn Fotos eines Hauses, das ihnen nicht gehörte. Markus stand hinter ihr.

„Du hast einen Ordner angelegt.“

„Nur zur Übersicht.“

„Natürlich.“

Elena schloss ihn.Auf dem Bildschirm blieb die Karte geöffnet. Der rote Punkt war inzwischen verschwunden. Sie brauchten ihn nicht mehr.

„Wann könnten wir hin?“

Markus holte seinen Kalender. Das Cilento hatten sie nicht gesucht.

Jetzt suchten sie einen Flug.