GESCHICHTE.
Wo sind eigentlich die Füße geblieben?
Mir ist etwas aufgefallen. Menschen Anfang zwanzig fotografieren anders. Nicht alle natürlich. Aber oft genug, dass es kein Zufall mehr sein kann.
Sie fotografieren viel. Sehr viel. Wahrscheinlich mehr, als jede Generation vor ihnen jemals fotografiert hat. Essen, Freunde, Spiegel, Straßen, Konzerte, Hotelzimmer, Sonnenuntergänge, sich selbst.
Und erstaunlich oft fehlen dabei die Füße.
Nicht elegant knapp oberhalb des Knies abgeschnitten. Nicht als bewusstes Porträt. Nein. Die Person ist fast vollständig im Bild – und unten fehlen einfach Schuhe, Knöchel oder ein Stück Unterschenkel.
Wenn ich darauf hinweise, lautet die Antwort ungefähr: Das macht man heute so.
Aha.
Noch interessanter ist allerdings etwas anderes. Sie fotografieren kaum von unten. Niemand geht in die Knie. Kaum jemand legt sich beinahe auf den Boden, weil plötzlich eine Perspektive interessant wird. Niemand hält die Kamera knapp über das Pflaster und schaut, was passiert, wenn aus einem Mensch plötzlich eine Figur wird oder aus einem Gebäude ein Monument.
Das Smartphone bleibt ungefähr dort, wo der Mensch ohnehin steht. Brusthöhe. Augenhöhe. Vielleicht ein bisschen darüber. Und dann klick.
Das ist zunächst einmal logisch.
Das Smartphone ist keine Kamera, die man zum Fotografieren hervorholt. Es ist ohnehin in der Hand. Fotografieren ist kein eigener Vorgang mehr, sondern eine beiläufige Bewegung zwischen Nachrichtenschreiben, Nachsehen, Scrollen und Bezahlen.
Vielleicht verändert genau das unsere Bilder stärker, als wir denken. Denn Fotografieren bedeutete einmal auch:
Man ging zurück.
Man ging näher heran.
Man hockte sich hin.
Man suchte eine Linie.
Man entschied, was ins Bild gehört und was nicht.
Heute ist das Bild häufig kein komponiertes Ganzes mehr, sondern ein Ausschnitt.
Und der Ausschnitt darf auch so aussehen.
Ein Fuß fehlt.
Ein Kopf sitzt ungewöhnlich weit oben.
Jemand steht halb außerhalb des Bildes.
Der Horizont kippt ein bisschen.
Was früher schnell als schlecht fotografiert galt, kann heute genau richtig wirken.
Fast zufällig.
Bloß ist dieser Zufall natürlich längst eine Ästhetik.
Das Interessante daran ist: Ein zu ordentliches Foto wirkt inzwischen möglicherweise verdächtiger als ein unordentliches.
Ein Mensch vollständig im Bild, sauber eingerahmt, mit vernünftigem Abstand zum Rand und einem Horizont, der tatsächlich waagerecht ist?
Das kann plötzlich nach Familienalbum aussehen.
Oder nach Hochzeitsfotograf.
Oder nach dem Urlaub der Eltern.
Die neue Lässigkeit dagegen sagt:
Ich habe das gar nicht groß inszeniert. Ich war einfach da.
Natürlich stimmt das nicht unbedingt.
Man kann sehr lange daran arbeiten, beiläufig auszusehen.
Hinzu kommt die Technik.
Smartphones haben Weitwinkelobjektive. Wer einen Menschen von unten fotografiert, bekommt sehr schnell lange Beine, große Schuhe, Kinn und Nasenlöcher gleich mitgeliefert.
Also fotografiert man lieber etwas höher.
Das hat man spätestens beim Selfie gelernt.
Die Kamera leicht über den Augen macht das Gesicht schmaler, die Augen größer und die Kontrolle über das eigene Bild einfacher.
Eine ganze Generation hat auf diese Weise nicht nur gelernt, sich selbst zu fotografieren.
Sie hat dabei nebenbei gelernt, wie ein Bild aussehen soll.
Und dann ist da noch das Format.
Das Smartphone steht hochkant.
Instagram Story.
TikTok.
9:16.
Ein bemerkenswert schmaler Raum für einen ganzen Menschen.
Will man Gesicht, Kleidung und ein bisschen Umgebung ausreichend groß zeigen, muss irgendwo gespart werden.
Also weg mit dem Boden.
Und wenn schon der Boden weg ist, können die Füße gleich mitgehen.
Vielleicht ist der Unterschied aber noch grundlegender.
Für mich ist ein Foto zunächst ein Bild.
Ich sehe Linien.
Proportionen.
Vordergrund.
Hintergrund.
Ich frage mich, von wo aus ein Raum interessant aussieht.
Was passiert, wenn ich einen halben Meter tiefer gehe.
Oder drei Schritte nach links.
Für jemanden, der mit dem Smartphone aufgewachsen ist, ist ein Foto möglicherweise zuerst etwas anderes:
Kommunikation.
Schau mal. Hier bin ich. Das esse ich. Da waren wir. So sah es gestern Abend aus.
Dann muss ein Bild nicht unbedingt vollständig sein.
Es muss funktionieren.
Auf einem kleinen Bildschirm.
Für wenige Sekunden.
Vielleicht verschwinden deshalb nicht nur die Füße.
Es verschwindet gelegentlich auch der Raum.
Gerade bei Architektur fällt mir das auf.
Ein Raum verändert sich vollkommen, wenn man ihn von unten fotografiert.
Plötzlich bekommt der Boden Bedeutung.
Möbel stehen tatsächlich auf etwas.
Treppen steigen auf.
Decken entfernen sich.
Eine Tür wird hoch.
Ein Gebäude bekommt Gewicht.
Fotografiert man dagegen immer ungefähr aus Augenhöhe und ein wenig nach unten, wird die Welt flacher.
Vielleicht ist das die eigentliche Veränderung.
Wir haben das Fotografieren demokratisiert, beschleunigt und vervielfacht. Dafür bewegen wir uns beim Fotografieren weniger. Milliarden Bilder entstehen jeden Tag. Aber erstaunlich viele davon aus exakt derselben Höhe.
Und irgendwo zwischen Augenhöhe, Hochformat und vermeintlicher Beiläufigkeit sind dabei die Füße verloren gegangen.
Das ist kein Drama. Aber es ist ein Verlust.
Mit den Füßen verschwindet meistens auch der Boden. Und ohne Boden keine Verankerung, keine Schwelle, kein Gewicht. Ein Raum ohne Boden ist nur noch Kulisse. Ein Mensch ohne Füße verliert etwas von seiner Verankerung im Raum.
Fotografieren war für mich nie etwas, das man im Vorbeigehen erledigt. Es war Zurücktreten, um Proportionen zu begreifen. In die Knie gehen, damit das Pflaster, die Diele, die Stufe ihr Recht bekommen. Warten, bis ein Raum seine Tiefe preisgibt.
Dahin, wo die Füße stehen.
Einen Standort einzunehmen.

