HAUSWISSEN.

Muss ein Haus hierher passen?

Warum ausgerechnet ein weißes modernes Haus seit zwanzig Jahren mein Lieblingshaus im Cilento ist.

Seit ungefähr zwanzig Jahren habe ich ein Lieblingshaus im Cilento.

Es steht an der SS166 und sieht überhaupt nicht so aus, wie man sich ein Haus im Cilento vermutlich vorstellen würde.

Es ist weiß. Flach. Klar. Reduziert. Fast streng. Keine Bögen. Keine dekorativen Zitate. Kein Versuch, besonders „mediterran“ auszusehen.

Vor vielen Jahren durften wir das Haus ansehen. Der damalige Eigentümer, ein Journalist, ließ uns hinein, und seitdem ist es mein Lieblingshaus.

Interessanterweise teilt meine Begeisterung kaum jemand.

Vielleicht mag ich es gerade deshalb.

Ich mag die Häuser des Cilento. Die alten ohnehin, aber auch viele der neueren, mit ihren Terrassen, Loggien, Dachüberständen und all den Dingen, die hier selbstverständlich zum Wohnen gehören.

Und trotzdem ist seit zwanzig Jahren ausgerechnet dieses Haus mein Lieblingshaus. Es steht zwischen all dem anderen wie ein Ausrufezeichen, das niemand gesetzt haben wollte.

Außer mir offenbar.

Was mich daran interessiert, ist nicht, dass es modern ist. Und schon gar nicht, dass moderne Architektur grundsätzlich besser wäre.

Mich interessiert, dass es nicht versucht, etwas anderes zu sein. Es spielt kein vermeintlich typisches Cilento-Haus.

Es steht einfach da. Mit großer Selbstverständlichkeit.

Muss ein Haus hierher passen?

Und damit beginnt für mich die eigentlich interessante Frage: Was bedeutet überhaupt, dass Architektur zu einem Ort passt? Muss ein neues Haus die Formen seiner Umgebung wiederholen? Braucht es Dachziegel, Bögen oder Naturstein, damit es im Cilento richtig ist?

Ich glaube nicht.

Ein Haus kann auf einen Ort reagieren, ohne ihn nachzuahmen.

Auf das Licht. Das Klima. Die Vegetation. Die Topografie. Die Art, wie drinnen und draußen miteinander verbunden sind.

Und formal trotzdem etwas völlig anderes tun.

Vielleicht wird der Charakter eines Ortes manchmal sogar deutlicher, wenn etwas darin einen bewussten Kontrapunkt setzt.

Es versteckt sich nicht.

Heute ist das Grundstück von hohen Hecken und Zypressen eingefasst. Von der Straße sieht man das Haus deshalb nur noch in Ausschnitten. Von der Einfahrt aus dagegen ist es sehr gut wahrnehmbar.

Die Vegetation schafft Privatheit und Distanz. Das Haus bleibt präsent. Es versteckt sich nicht. Es muss nur nicht jedem alles zeigen.

Vielleicht gefällt mir auch dieses Verhältnis: die strenge weiße Geometrie und davor das Grün, das längst macht, was es will. Das Haus hat dadurch nichts von seiner Klarheit verloren.

Es ist nur eingewachsen in den Ort.

Und dann sah ich ein Haus auf Formentera.

Vor Kurzem stieß ich bei BauNetz interior|design auf Ses Clotades, ein weißes, kubisches Wohnhaus auf Formentera von Marià Castelló.

Und ich musste sofort an mein Haus an der SS166 denken. Nicht weil die beiden Häuser gleich wären. Sind sie nicht. Es war etwas anderes.

Weiße, klare Architektur in mediterraner Landschaft. Strenge Geometrie neben Vegetation. Licht und Schatten. Ein Haus, das nicht versucht, durch ein paar vertraute Versatzstücke besonders mediterran auszusehen.

Offenbar ist es genau dieser Gegensatz, der mich seit zwanzig Jahren nicht loslässt.

Zum Ort passen heißt nicht, so auszusehen wie der Ort.

Kontextuelles Bauen wird für meinen Geschmack zu oft mit Anpassung verwechselt. Als müsse ein Gebäude höflich genug sein, möglichst wenig aufzufallen.

Dabei kann Respekt vor einem Ort auch darin bestehen, ihn ernst zu nehmen, ohne ihn zu kopieren.

Ein Gebäude darf anders sein. Entscheidend ist, ob es versteht, wo es steht. Das weiße Haus an der SS166 tut das für mich. Vielleicht gerade deshalb, weil es nicht dauernd davon erzählt.

Zwanzig Jahre später fahre ich noch immer daran vorbei und schaue hin.

Die Hecken sind höher geworden. Die Zypressen auch. Das Haus steht noch da. Weiß. Flach. Anders.

Und ich mag es immer noch.

Marià Castelló

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Beim Ansehen dieses Hauses auf Formentera musste ich sofort an mein weißes Lieblingshaus im Cilento denken. Nicht weil die beiden Häuser gleich wären – sondern wegen dieser selbstverständlichen Klarheit in mediterraner Landschaft.

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