HAUSWISSEN.
Warum sitzen Italiener beim schönsten Essen der Welt unter diesem schrecklichen Licht?
Über gutes Essen wird in Italien leidenschaftlich gesprochen. Über gutes Licht erstaunlich selten. Eine kleine Untersuchung über Neonröhren, Festbeleuchtung und die Frage, warum man sein Essen unbedingt sehen können soll.
Das Essen: perfekt. Das Licht: gnadenlos.
Man kann in Italien an einem Tisch sitzen, an dem wirklich alles stimmt. Das Essen. Der Wein. Die Menschen. Die Temperatur. Vielleicht sogar die Aussicht.
Und dann geht das Licht an.
Nicht irgendein Licht. Sondern jenes helle, flächige, vollkommen unromantische Licht, das jeden Teller ausleuchtet, jeden Schatten vertreibt und aus der schönsten Terrasse für einen kurzen Moment etwas zwischen Gemeindesaal und Zahnarztpraxis macht.
Das Erstaunliche ist: Es scheint niemanden zu stören.
Man muss doch sehen, was man isst.
Eugenio hat dafür eine vollkommen plausible Erklärung: Man möchte sehen, was man isst.
Das ist schwer zu widerlegen. Vor allem in einem Land, in dem Essen nicht Dekoration, sondern eine ernsthafte Angelegenheit ist. Die Farbe der Tomate, die Konsistenz der Pasta, der Fisch, die Kruste, das Öl – natürlich möchte man das sehen.
Nur denke ich jedes Mal: Ein bisschen weniger würde auch reichen.
Selbst bei der Hochzeit.
Das Phänomen endet nämlich keineswegs an der Tür der kleinen Dorftrattoria. Man findet es auch dort, wo für einen einzigen Abend ein beträchtlicher Aufwand betrieben wird: bei großen italienischen Hochzeiten.
Fünf-Sterne-Hotel. Hunderte Gäste. Blumen. Stoffe. Silber. Vielleicht fünfzehn Gänge. Alles geplant, dekoriert und inszeniert.
Und darüber: Licht.
Viel Licht.
Sehr viel Licht.
Licht ist Architektur.
Dabei ist Licht keine Zugabe, die man am Ende noch irgendwo an die Decke schraubt. Licht verändert einen Raum.
Es entscheidet, ob eine Wand Tiefe bekommt. Ob eine Nische verschwindet oder sichtbar wird. Ob eine raue Oberfläche interessant aussieht oder einfach nur uneben. Ob Menschen an einem Tisch zusammensitzen oder auf einer hell ausgeleuchteten Fläche verteilt wirken.
Und vor allem braucht Licht Schatten.
Vielleicht ist das der Unterschied.
Ich möchte mein Essen auch sehen.
Aber ich möchte nicht nur das Essen sehen.
Ich möchte den Tisch sehen. Die Gesichter. Das Glas. Die Wand dahinter. Und irgendwann nur noch ahnen, wo der Raum aufhört.
Vielleicht will Eugenio wissen, was auf seinem Teller liegt.
Ich will wissen, wie sich der Abend anfühlt.

