HAUSWISSEN.

Warum steht in Italien eigentlich überall ein Bidet?

In kleinen italienischen Bädern ist für vieles kein Platz. Für das Bidet offenbar schon. Das hat mit Gewohnheiten zu tun – aber nicht nur.

Wer ein kleines italienisches Bad neu plant, kommt irgendwann an diesen Punkt. Dusche. Waschbecken. WC. Und daneben: das Bidet.

Es steht dort auch dann, wenn der Raum eigentlich keinen Zentimeter übrig hat. Und aus deutscher Grundrissperspektive liegt die Frage ziemlich nahe:

Kann das nicht weg?

In Italien lautet die Antwort erstaunlich oft: nein.

01 / Es ist nicht nur Gewohnheit.

Das Bidet gehört in Italien seit Generationen zur alltäglichen Körperpflege. Es ist kein Sonderausstattungsstück und kein Relikt, das zufällig noch in älteren Häusern herumsteht. Deshalb wird beim Planen auch anders darüber nachgedacht. Wo man anderswo vielleicht zuerst fragt, ob überhaupt ein Bidet gebraucht wird, lautet die italienische Frage eher:

Wo kommt es hin?

Und das kann bei einem kleinen Bad einen erheblichen Unterschied machen.

02 / Es steht sogar in einer Regelung.

Der italienische Gesetzgeber ist in dieser Frage bemerkenswert konkret. Der Decreto Ministeriale vom 5. Juli 1975 regelt grundlegende hygienisch-sanitäre Anforderungen an Wohnräume. In Artikel 7 steht, dass in jeder Wohnung mindestens ein Badezimmer mit WC, Bidet, Badewanne oder Dusche und Waschbecken ausgestattet sein muss.

Das Entscheidende ist dabei das mindestens eine.

Hat eine Wohnung mehrere Bäder, bedeutet das nicht automatisch, dass in jedem einzelnen ein Bidet stehen muss. Aber mindestens ein entsprechend ausgestattetes Bad ist der gesetzliche Ausgangspunkt. Aus einer kulturellen Gewohnheit wird damit eine ziemlich konkrete Planungsgröße.

03 / Ein kleines Bad wird dadurch nicht größer.

Und genau hier wird es architektonisch interessant. WC und Bidet brauchen nicht nur ihre eigene Stellfläche. Beide müssen angeschlossen werden und benutzbar bleiben. Dazu kommen Waschbecken und Dusche.

Vier Funktionen konkurrieren also um einen Raum, der in älteren Häusern häufig ohnehin knapp bemessen ist. Die übliche Lösung kann deshalb nicht einfach heißen:

Alles raus, was Platz braucht.

Sondern:

Wie ordnet man das Notwendige besser?

Vielleicht wird das Waschbecken kleiner. Vielleicht verändert sich die Dusche. Vielleicht lässt sich die Tür anders lösen. Vielleicht sind kompaktere Sanitärobjekte sinnvoll. Der Grundriss muss arbeiten.

04 / Und die Badewanne?

Die ist einfacher. Denn die Vorschrift verlangt ausdrücklich Badewanne oder Dusche. Eine Badewanne ist also keineswegs notwendig. Gerade in einem sehr kleinen Bad kann eine vernünftige Dusche die wesentlich bessere Antwort sein. Das Bidet dagegen lässt sich nicht mit derselben Begründung aus der Liste streichen. Das ist ein hübscher Unterschied.

05 / Bestand ist trotzdem Bestand.

Bei einem bestehenden italienischen Haus sollte man aus einer allgemeinen Regel allerdings nie unmittelbar ableiten, was bei einem konkreten Umbau zwingend möglich oder erforderlich ist.

Baujahr, genehmigter Bestand, Art und Umfang des Eingriffs, kommunale Vorschriften und gegebenenfalls besondere Schutzbestimmungen können eine Rolle spielen. Gerade für ältere Gebäude hat sich das italienische Regelwerk zudem weiterentwickelt; 2026 wurden für bestimmte Bestands- und geschützte Gebäude ausdrücklich Sonderregelungen gegenüber den Anforderungen des Dekrets von 1975 eingeführt. Deshalb gilt auch beim Bidet:

Erst den Bestand und die konkrete Maßnahme prüfen. Dann planen.

06 / Klein ist nicht beliebig reduzierbar.

Vielleicht ist das überhaupt das Interessanteste an diesem unscheinbaren Sanitärprojekt. Ein Grundriss entsteht nicht allein aus Maßen. Er entsteht aus Regeln, Gewohnheiten, Kultur und Alltag.

Was in einem Land als verzichtbarer Komfort erscheint, kann im anderen selbstverständlicher Bestandteil eines Badezimmers sein – und sogar im Regelwerk stehen. Das italienische Bad erzählt davon auf ziemlich wenig Fläche.

Und das Bidet bleibt.