HAUSWISSEN.

Wo ist eigentlich Norden?

Ein Haus hat keine gute oder schlechte Himmelsrichtung. Entscheidend ist, was Sonne, Schatten und Jahreszeiten mit seiner Nutzung machen.

Eine erstaunlich einfache Frage. Und eine, die ich mir bei einem Haus ziemlich früh stelle. Nicht, weil Norden grundsätzlich schlecht und Süden grundsätzlich gut wäre.

Sondern weil ein Haus morgens, mittags und abends ein anderes ist. Und im Januar ein anderes als im August.

Wo kommt die Sonne her? Welche Fassade bekommt sie morgens? Welche Räume heizen sich am Nachmittag auf? Wo bleibt es kühl? Wo liegt Schatten?

Und was bedeutet das für die Menschen, die dort leben wollen?

Die Himmelsrichtungen sind für mich deshalb keine abstrakten Pfeile auf einem Lageplan. Sie sind eine der ersten Informationen darüber, wie ein Haus funktionieren kann.

Süden ist nicht automatisch richtig.

Wir haben gelernt:

Wohnen nach Süden. Schlafen nach Osten. Nebenräume nach Norden.

Das ist als Grundregel nicht völlig falsch. Aber als Entwurfsmethode ist es mir zu simpel.

Denn dieselbe Südsonne, die an einem Hamburger Februartag wunderbar ist, kann im Cilento im August ziemlich unerbittlich werden.

Eine Nordseite, die im deutschen Wohnungsbau schnell als zweite Wahl gilt, kann dort plötzlich angenehm sein.

Und eine Ostterrasse kann wertvoller sein als eine große Fläche im Süden, wenn sie morgens Sonne bekommt und später im Schatten liegt.

Deshalb interessiert mich nicht nur: Welche Himmelsrichtung hat dieser Raum? Sondern: Wie möchte ich ihn zu welcher Tages- und Jahreszeit benutzen?

Ein Haus für zwei Jahreszeiten.

Bei diesem Haus wird aus der Frage nach Norden plötzlich ein Nutzungskonzept.

Das eigentliche Wohngeschoss liegt oben. Rund 70 Quadratmeter. Wohnen und Kochen orientieren sich überwiegend nach Norden, Schlafen nach Süden.

Was zunächst nicht nach dem klassischen Lehrbuch klingt, kann im Cilento durchaus interessant sein.

Denn im Sommer ist die kühlere Nordseite kein Nachteil. Und in den kühleren Monaten reichen rund 70 Quadratmeter vollkommen aus.

Interessanter wird allerdings das Erdgeschoss. Dort befindet sich heute die Cantina. Sie soll nicht einfach zu zusätzlicher Wohnfläche werden.

Die Idee ist: Gästezimmer. Sommerküche. Und von dort direkt hinaus auf die große Terrasse im Osten.

Mein CMS ist gerade kreativ: Falsches Bild!
Konzeptionelle Standortanalyse eines Hauses im Cilento mit Nordausrichtung, bestehendem Haus, Ostterrasse mit großem Baum und möglicher Poollage im Süden.

Konzeptionelle Standortanalyse eines Hauses im Cilento. Nicht als fertiger Entwurf, sondern als Frage: Welcher Teil des Hauses funktioniert zu welcher Jahreszeit?

Oben wird gewohnt. Unten wird Sommer.

Die Ostterrasse ist bereits da. Und dort steht etwas, das man nicht erst planen muss: ein großer Baum.

Morgens kommt die Sonne. Später übernimmt der Baum die Verschattung. Damit könnte genau dieser vorhandene Außenraum zum eigentlichen Sommerwohnzimmer werden.

Nicht, weil wir dort unbedingt eines planen wollten. Sondern weil Grundstück, Haus und Vegetation es bereits nahelegen.

Terrasse im Osten. Pool im Süden.

Der gewünschte Pool liegt südlich des Hauses. Auch das ist zunächst nur eine mögliche Position.

Bevor sie festgelegt wird, müssen unter anderem Grundstücksgrenzen, Topografie, vorhandene Vegetation, Abstände, Genehmigungsfähigkeit und mögliche vincoli geprüft werden.

Aber klimatisch ist die Idee nachvollziehbar: Terrasse im Osten = Essen, Sitzen, Schatten. Pool im Süden = Sonne.

So entstehen unterschiedliche Außenräume statt einer einzigen großen befestigten Fläche.

Nicht jede Etage muss zwölf Monate gleich funktionieren.

Das finde ich bei diesem Haus eigentlich am interessantesten. Eine Sanierung muss nicht zwangsläufig dazu führen, dass jede Etage zwölf Monate im Jahr auf dieselbe Weise funktioniert.

Gerade in einem süditalienischen Haus kann es sinnvoll sein, jahreszeitlich zu denken. Im Winter: kompaktes Wohnen im Obergeschoss. Im Sommer: Leben im Erdgeschoss und draußen.

Das Haus verändert nicht seine Größe. Aber seinen Schwerpunkt.

Auch ein Baum ist Bestand.

Bestand ist für mich nicht nur das, was aus Stein, Holz oder Beton gebaut wurde.

Der große Baum auf der Terrasse ist genauso Bestand wie eine alte Tür, ein Steinboden oder eine Mauer.

Sonne. Schatten. Vegetation. Topografie.

Auch sie sind Dinge, die schon da sind. Man sollte sie lesen, bevor man anfängt zu entwerfen.

Und deshalb Norden.

Die Frage „Wo ist eigentlich Norden?“ führt also nicht zwangsläufig zu: Wohnen muss nach Süden.

Sie führt zu einer viel interessanteren Frage: Wie funktioniert dieses konkrete Haus im Januar – und wie im August?

Nicht jeder Grundriss muss gegen die Himmelsrichtungen korrigiert werden. Manchmal muss man nur verstehen, was sie einem anbieten.