HAUSWISSEN.
Wohin mit den Modulen?
Was die neuen Regeln für erneuerbare Energien bei alten Häusern in Italien bedeuten.
Ein altes Haus in Italien. Naturstein, Ziegeldach, vielleicht ein Blick über Olivenhaine. Und irgendwann kommt die Frage: Wohin eigentlich mit der Photovoltaik?
Die Antwort sollte man sich inzwischen besser stellen, bevor der Entwurf fertig ist.
Denn seit 2026 können die italienischen Anforderungen an erneuerbare Energien nicht nur bei Neubauten, sondern auch bei bestimmten Sanierungen bestehender Gebäude und bei Eingriffen in die Heiz- und Kühltechnik relevant werden.
Aus einer technischen Frage wird damit ziemlich schnell eine Entwurfsfrage.
Nicht erst am Ende.
Photovoltaik wird gern behandelt wie eine technische Zutat: Das Haus ist geplant, das Dach ist fertig gedacht – und irgendwo sollen anschließend noch ein paar Module hin.
Bei einem alten Haus funktioniert das selten gut.
Dachform und Dachneigung, Orientierung und Verschattung, vorhandene Bäume, Nachbargebäude und natürlich die Frage, ob das Haus oder seine Umgebung geschützt sind, bestimmen, was überhaupt möglich ist.
Bei bestimmten Solaranlagen auf geneigten Dächern spielt auch die gestalterische Integration eine Rolle: Die italienischen Vorschriften kennen ausdrücklich Lösungen, bei denen die Module in die Dachgestaltung integriert oder mit derselben Neigung und Orientierung wie die Dachfläche angebracht werden.
Das ist keine Frage, die ich erst stellen möchte, wenn die Planung eigentlich abgeschlossen ist.
Wann wird es Pflicht?
Nicht jede Renovierung eines alten Hauses löst automatisch dieselben Anforderungen aus.
Entscheidend ist unter anderem der Umfang des Eingriffs. Das italienische Regelwerk unterscheidet verschiedene Sanierungsstufen.
Eine ristrutturazione importante di primo livello betrifft mehr als 50 Prozent der wärmeübertragenden Gebäudehülle und gleichzeitig die Erneuerung der Heiz- beziehungsweise Kühlanlage für das gesamte Gebäude.
Beim secondo livello werden mehr als 25 Prozent der Gebäudehülle bearbeitet, ohne dass die Voraussetzungen des ersten Levels erfüllt sein müssen.
Das klingt zunächst nach technischer Klassifizierung.
Für die Planung bedeutet es etwas sehr Praktisches: Es macht einen Unterschied, wie weit ich in ein Haus eingreife.
Deshalb sollte bereits am Anfang klar sein, was saniert werden soll – und welche energetischen Anforderungen dadurch ausgelöst werden.
Wieviel?
Auch für die elektrische Leistung aus erneuerbaren Quellen gibt das Gesetz eine Berechnung vor.
Bei bestehenden Gebäuden wird die Grundfläche des Gebäudes mit dem Faktor 0,025 multipliziert. Bei Neubauten beträgt der Faktor 0,05.
Vereinfacht entspricht das bei einem bestehenden Gebäude 1 kW je 40 Quadratmeter Gebäudegrundfläche, bei einem Neubau 1 kW je 20 Quadratmeter.
Wichtig dabei: Gemeint ist nicht die Wohnfläche, sondern die Grundfläche beziehungsweise die Projektion des Gebäudes auf den Boden. Und das Gesetz schreibt an dieser Stelle nicht ausschließlich Photovoltaik vor, sondern elektrische Anlagen aus erneuerbaren Energiequellen.
Aus „Wie viele Solarmodule brauche ich?“ wird deshalb zunächst eine andere Frage:
Welche erneuerbare Technik ist für dieses Haus überhaupt sinnvoll?
Centro Storico heißt nicht einfach: Nein.
Bei einem Haus im historischen Bestand wird es interessanter.
Ein centro storico bedeutet nicht automatisch, dass Photovoltaik verboten ist. Umgekehrt bedeutet eine allgemeine Pflicht zu erneuerbaren Energien auch nicht, dass auf jedes geschützte Dach zwingend Module gesetzt werden müssen.
Entscheidend ist der konkrete Schutz.
Die italienischen Vorschriften unterscheiden unter anderem danach, welcher vincolo besteht, ob eine Anlage vom öffentlichen Raum sichtbar ist und wie sie in die Dachfläche integriert wird. Für bestimmte geschützte Gebäude sind dachintegrierte oder dachparallel angeordnete Anlagen ausdrücklich als eigener Fall im vereinfachten landschaftsrechtlichen Verfahren erfasst.
Deshalb reicht die Frage „Darf ich da Solar draufmachen?“ eigentlich nicht.
Die bessere Frage lautet:
Was darf und was sollte ich auf genau diesem Haus machen?
Und der Garten?
Wenn das Dach schwierig ist, liegt die nächste Idee nahe: Dann stellen wir die Module eben irgendwo aufs Grundstück.
Auch das sollte man nicht voraussetzen.
Das Gesetz erlaubt zwar Anlagen in den zum Gebäude gehörenden Flächen. Für die vorgeschriebene elektrische Leistung ist aber genau zu prüfen, welche Anlage nach den jeweils geltenden Regeln angerechnet werden kann. Die Grundfläche solcher Nebenflächen selbst wird jedenfalls nicht in die Berechnung der erforderlichen Leistung einbezogen.
Und unabhängig von der energetischen Berechnung können für Freiflächenanlagen wiederum andere bau-, landschafts- oder planungsrechtliche Regeln gelten.
Ein Olivenhain ist also nicht automatisch die Reservefläche für alles, was auf dem Dach keinen Platz findet.
Das Haus zuerst lesen.
Für mich gehört die Energieplanung deshalb sehr früh zur Bestandsanalyse.
Wo liegt Süden? Welche Dachflächen sind geeignet? Was sieht man von der Straße? Gibt es einen vincolo? Welche Teile des Hauses sollen überhaupt saniert werden? Wie wird künftig geheizt und gekühlt? Und welche Anforderungen löst der geplante Eingriff aus?
Erst danach lässt sich sinnvoll entscheiden, welche erneuerbare Technik gebraucht wird – und ob Photovoltaik dabei die richtige Lösung ist.
Das ist vielleicht der wichtigste Punkt.
Die Energietechnik sollte einem alten Haus nicht nachträglich übergestülpt werden.
Sie muss Teil des Entwurfs werden.
Und manchmal beginnt ein guter Entwurf eben nicht mit der Frage, wo eine Wand hinkommt.
Sondern damit:
Wohin mit den Modulen?

