GESCHICHTE.

Da müsste ein Fenster sein.

Die Küche funktionierte. Nur die Wand stand dort, wo Elena längst ein Fenster sah.

Am Anfang störte die Wand niemanden. Sie war weiß, stand dort vermutlich seit sehr langer Zeit und erfüllte zuverlässig alles, was man von einer Wand erwarten konnte. Links von ihr stand der Kühlschrank, davor der Tisch. Die Küche funktionierte. Elena saß morgens am Tisch und trank Kaffee. Markus schnitt Brot.

„Da müsste ein Fenster sein.“

Markus sah zur Wand. „Da ist aber keins.“

„Das sehe ich.“

Damit war die Sache zunächst erledigt. Zwei Tage später stand Elena wieder vor der Wand. Diesmal mit einer Schüssel Tomaten in der Hand. Sie war gerade von draußen gekommen, einmal ums Haus herum, durch die Eingangstür und zurück in die Küche.

„Hier.“

Markus sah von seinem Kaffee auf. „Was?“

„Das Fenster.“

„Ach, das.“

Sie stellte die Tomaten auf den Tisch. Eigentlich ging es gar nicht um ein Fenster. Jedenfalls nicht nur. Hinter der Wand lag das Grundstück. Morgens Sonne, später Schatten. Der Olivenbaum ein Stück weiter unten. Im Sommer würden sie dort sitzen. Essen. Gemüse putzen. Vielleicht irgendwann eine Außenküche haben. Alles lag wenige Meter entfernt. Nur die Küche wusste nichts davon.

Markus betrachtete die Wand jetzt etwas länger. „Ein normales Fenster?“

„Bodentief.“

„Natürlich.“

Elena ignorierte das. Er stand auf, ging zur Wand und klopfte dagegen.

„Was machst du?“

„Ich frage sie.“

„Und?“

Noch einmal klopfen. „Sie möchte bleiben.“

Am Nachmittag klebte ein Rechteck aus Malerkrepp auf der Wand. Markus hatte es vorsichtshalber nicht besonders groß gemacht. Elena blieb davor stehen.

„Zu schmal.“

„Das ist eine Außenwand.“

„Auch Außenwände können breiter.“

„Das ist statisch eine bemerkenswerte Theorie.“

Das Rechteck wurde breiter. Plötzlich sahen sie es beide. Nicht das Fenster. Das war noch immer gelbes Klebeband auf weißem Putz. Aber der Raum dahinter hatte sich verändert. Vom Tisch aus würde man ins Grün sehen. Man könnte das Fenster öffnen, hinaustreten, Kräuter hereinholen, Teller nach draußen tragen. Der Weg zwischen Küche und Grundstück wäre keine Runde mehr ums Haus.

Markus setzte sich wieder an den Tisch. „Wir könnten auch einfach ein Fenster machen.“

„Das ist ein Fenster.“

„Du weißt, was ich meine.“

Elena wusste es. Ein Fenster mit Brüstung. Weniger Eingriff. Licht, Luft, Aussicht. Vernünftig. Sie sah auf das Klebeband.

„Nein.“

Damit wurde aus einer Idee Arbeit. Denn ein bodentiefes Fenster lässt sich leichter mit Klebeband planen als mit Mauerwerk. Wo genau sollte es sitzen? Wie breit durfte die Öffnung werden? Was trug die Wand? Wie wurde der Sturz ausgebildet? Wie hoch lag das Gelände draußen? Was passierte an der Schwelle, wenn es regnete?

Und vor allem: Durften sie das überhaupt?

Das Haus war schließlich kein leeres Blatt. Auch nicht dort, wo eine ziemlich leere Wand stand. Eine neue Öffnung veränderte nicht nur die Küche. Sie veränderte die Fassade. Und damit war die Sache nicht mehr allein eine Frage von Licht und Aussicht.

Elena fotografierte die Wand. Markus maß sie aus. Dann maßen sie draußen. Dann noch einmal drinnen, weil Markus dem ersten Maß nicht traute.

„Das habe ich gemessen.“

„Eben.“

Am Abend war das Klebeband noch da. Sie saßen am Tisch, und Elena schaute hindurch auf einen Garten, den man natürlich überhaupt nicht sehen konnte. Von diesem Moment an war die Wand keine Wand mehr. Sie war ein Fenster, das noch nicht gebaut war. Markus schenkte Wein nach.

„Und wenn das nicht genehmigt wird?“

Elena betrachtete ihr gelbes Rechteck. „Dann machen wir ein kleineres.“

Markus sah sie an. „Wirklich?“

„Nein.“