GESCHICHTE 02 · SECONDO

’O core
d’ ’o Ciliento.

DAS HERZSTÜCK

Kaninchen, Zicklein und ein Mosaik aus Kartoffel und Polenta. Ein Festgericht über Hände, Tiere und Zeit.

Die Hügel kippen zuerst ins Grau und dann in das tiefe Blau der Dämmerung. Aus den Schornsteinen steigt Holzrauch, beinahe senkrecht. Ein Hütehund bellt zweimal. Danach hört man nur noch die Glocken der Ziegen, unregelmäßig und hell, und irgendwo am Feldrain eine Flöte, deren wenige Töne nicht ganz stimmen müssen, um richtig zu sein.

Der Hirt kommt den Pfad herab. Vor ihm schiebt sich die Herde wie ein langsamer Fluss an den Trockenmauern entlang. Die jungen Tiere drängen vor, bleiben an Ginster und wildem Oregano hängen, stoßen mit den Nasen gegen ausgestreckte Kinderhände. Niemand nennt das Idylle. Es ist der letzte Weg des Tages, täglich gegangen, bei Hitze, Wind oder Regen.

Was die Hügel geben, geben sie uns zurück.

Im Hof schabt eine Frau Zitronenschale über ein altes Holzbrett. Der Duft steht plötzlich im Raum, scharf und hell. Daneben: das Öl der letzten Ernte, grün und pfeffrig, ein Bündel Kräuter, Knochen für den Fond. Nichts davon ist Dekoration. Alles hat eine Aufgabe.

„Nichts geht verloren“, sagt sie. Die Knochen geben Tiefe. Die Haut wird knusprig. Das Fleisch wird mit Zeit weich. Die Kaninchen aus den Höfen fressen Gras, Küchenblätter, das, was übrig bleibt. In dieser Küche ist Sparsamkeit kein ästhetisches Programm und Armut keine romantische Kulisse. Es geht um Kenntnis: wissen, was etwas braucht, und wissen, was man nicht wegwirft.

Später kommt das Herzstück auf den Tisch. Kaninchen und Zicklein, lange gegart mit Olivenöl, Zitrone und den Kräutern der Hügel. Heute kann das in einem schweren Topf geschehen oder kontrolliert im Vakuumbeutel. Die Technik ist neu; der Gedanke nicht. Langsame Hitze verwandelt Widerstand in Zartheit.

Daneben liegen Würfel aus Kartoffel und Polenta, golden gebraten und abwechselnd gesetzt. Ein kleines Mosaik, streng und spielerisch zugleich. Kein Zitat von Pompeji, kein kulinarisches Kostüm – eher eine Erinnerung daran, dass Ordnung auch aus wenigen Dingen entstehen kann.

Nicht an Heldengeschichten erinnern. An Hände.

Der Jus schmeckt dunkel nach gerösteten Knochen und hell nach Zitrone. Kapern und schwarze Oliven geben Salz, wilder Oregano kommt erst am Ende. Im Glas steht Aglianicone: Erde, dunkle Frucht, getrocknetes Kraut. Für einen Moment wird es am Tisch still. Man hört Besteck auf Keramik, das Brechen einer Kruste, wieder die Flöte aus der Entfernung.

In diesem Teller steckt kein Zufall. Aber auch keine Folklore. Er erzählt von einem Land nicht durch Symbole, sondern durch Zusammenhänge: Tier und Hügel, Rest und Fond, alte Töpfe und neue Verfahren, Arbeit und Fest. Ein Kreis, der sich erst schließt, wenn alle am Tisch sitzen.

Redaktionelle Illustration von langsam gegartem Kaninchen und Zicklein mit Kartoffel-Polenta-Mosaik
REDAKTIONELLE ILLUSTRATION

Ein Festgericht, nicht festlich verkleidet: Fleisch, Jus, Kartoffel, Polenta.

DAS REZEPT

Das Herzstück.
Ein Mosaik.

Für sechs Personen

Ein Entwurfsrezept, keine überlieferte Cilento-Spezialität: regionale Zutaten und vertraute Garmethoden werden zu einem neuen Festgericht zusammengesetzt.

01

Zeit geben.

Das Fleisch mit Knoblauch, Zitronenschale, Kräutern, Olivenöl, Salz und Pfeffer marinieren. Am besten über Nacht. Danach langsam garen – traditionell im geschlossenen Topf oder kontrolliert sous-vide. Entscheidend ist nicht die Methode, sondern Geduld.

02

Den Jus bauen.

Gemüse kräftig anschwitzen, Tomatenmark mitrösten und mit Wein ablöschen. Fond und wenig passierte Tomate zugeben, Kapern und Oliven mitziehen lassen. Passieren und langsam konzentrieren. Zitrone und wilden Oregano erst am Ende ergänzen.

03

Das Mosaik.

Kartoffeln garen und in Würfel schneiden. Polenta fest kochen, zwei Zentimeter dick ausstreichen und ebenfalls würfeln. Beides goldbraun braten und als lockeres Schachbrett setzen – exakt genug, um die Hand zu zeigen; nicht so exakt, dass es nach Wettbewerb aussieht.

04

Rösten und teilen.

Das gegarte Fleisch trocken tupfen und kurz kräftig bräunen. Auf den Jus setzen, Kartoffel und Polenta daneben. Ein wenig confierte Tomate, Zitronenschale und Olivenöl genügen.

Kaninchen und Zicklein müssen vollständig und lebensmittelsicher gegart werden. Zeit und Temperatur richten sich nach Stückgröße, Knochenanteil und gewählter Methode.

Hände vollenden das langsam geschmorte Gericht in einem schweren dunklen Bräter
DER BRÄTER · ZEIT, HITZE, GEWICHT
Ruhig gedeckter Holztisch mit warmweißem Teller, Leinen und strukturiertem Weinglas
DIE TAFEL · TELLER, GLAS, LEINEN

DIE DINGE DAZU

Schwer.
Klar. Bleibend.

Kein vollständiges Service. Drei Dinge, die die Geschichte tragen.

01

Der Bräter.

Gusseisen, schwerer Deckel, ruhige Farbe. Er darf vom Herd direkt auf den Tisch.

02

Der große Teller.

Warmweiß und flach genug für das Mosaik. Ohne Goldrand, ohne Landhausgeste.

03

Das Weinglas.

Schwer, massiv, präsent in der Hand. Für Aglianicone, nicht für eine Inszenierung.

01 · DER BRÄTER

Gewicht, das arbeitet.
Drei Möglichkeiten.

GUTE BASIS

VARDAGEN.

IKEA

59,99 €Emailliertes Gusseisen, fünf Liter und schlicht genug für Herd und Tisch. Ein überzeugendes Arbeitsgerät ohne Markenpose.Direkt zum Produkt →
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LA COCOTTE.

Staub

349 € · 26 cmSchwarz, schwerer Deckel und eine raue Innenemaillierung, die kräftiges Anrösten verträgt. Die präziseste Wahl für dieses Gericht.Direkt zum Produkt →
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SIGNATURE.

Le Creuset

255–589 €Viele Größen und Farben, lebenslange Herstellergarantie und für Jahrzehnte gedacht. Hier wäre eine ruhige dunkle Ausführung entscheidend.Direkt zum Produkt →
02 · DER GROSSE TELLER

Fläche für das Mosaik.
Drei Möglichkeiten.

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GLADELIG.

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17,99 € · 31 × 19 cmSchweres Steinzeug, reaktive Glasur und eine längliche Fläche, auf der Jus und Mosaik nicht zusammengedrängt wirken.Direkt zum Produkt →
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SALT.

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DATUM.

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03 · DAS WEINGLAS

Schwere in der Hand.
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