MEINE GESCHICHTEN · 04
Was schon
da ist.
Ich habe nichts gegen neue Dinge.
Wirklich nicht.
Ich habe nur etwas dagegen, sie zu kaufen, bevor man sich angesehen hat, was schon da ist.
Das klingt selbstverständlich.
Ist es aber erstaunlich selten.
Bei einer Sanierung passiert häufig zuerst das Gegenteil: raus damit.
Die alte Tür. Der Schrank. Die Fliesen. Das Eisenbett. Der Kamin. Die Holzdecke.
Alles sieht ein bisschen müde aus. Manches ist dunkel. Manches entspricht nicht mehr dem Geschmack. Und manches ist schlicht alt.
Also weg.
Und ein paar Wochen später beginnt die Suche.
Nach einem Tisch, der aussehen soll, als hätte schon eine italienische Großmutter daran gesessen.
Nach einem Schrank mit Patina.
Nach handgemachten Fliesen.
Nach einem Eisenbett.
Nach einer Leuchte, die möglichst nicht neu aussieht.
Ich finde das einen ziemlich merkwürdigen Umweg.

Der vorhandene Schrank. Der alte Tisch. Der Kamin.
Ich fange deshalb anders an.
Nicht mit:
Was soll hier hin?
Sondern mit:
Was ist hier?
Und dann wird geguckt.
Nicht verklärt. Nicht sentimental. Und schon gar nicht nach dem Grundsatz, dass alles Alte automatisch wertvoll sei.
Ist es nicht.
Ein hässlicher Schrank wird nicht dadurch schön, dass er seit 1963 hässlich ist.
Eine schlechte Tür bleibt eine schlechte Tür.
Und wenn etwas technisch nicht funktioniert, kaputt oder schlicht falsch ist, darf es gehen.
Aber vorhandene Dinge haben einen Vorteil, den neue niemals haben können:
Sie gehören schon zu diesem Ort.
Bei Elena und Markus stand zum Beispiel ein dunkler Geschirrschrank im Esszimmer.
Ein bisschen schwer. Ein bisschen zu dunkel.
Aber ein guter Schrank.
Also blieb er.
Ich habe ihn geweißt.
Im Schlafzimmer stand ein schwarzes Eisenbett.
Das blieb auch.
Der Kamin sowieso.
Und plötzlich bestand die Gestaltung nicht mehr darin, ein komplettes neues Interieur zusammenzukaufen.
Sondern darin, herauszufinden, was die Dinge, die schon da waren, brauchten.
Manchmal ist das erstaunlich wenig.
Farbe.
Licht.
Ein anderer Zusammenhang.
Oder einfach jemanden, der nicht sofort den Sperrmüll bestellt.
Patina kann man kaufen.
Geschichte nicht.
Natürlich gibt es wunderbare Antiquitäten.
Und selbstverständlich darf ein altes Haus neue Möbel bekommen. Ich möchte nicht in einem Museum wohnen.
Im Gegenteil.
Mich interessiert genau der Moment, in dem ein neuer Stuhl neben einem alten Tisch steht und beide miteinander überhaupt kein Problem haben.
Wenn etwas Selbstgemachtes neben einem Designklassiker funktioniert.
Wenn IKEA neben einem Fund vom Mercatino stehen darf.
Wenn niemand mehr darüber nachdenkt, was davon teuer war.
Dann wird es interessant.
Nicht alt gegen neu.
Nicht teuer gegen billig.
Sondern:
richtig gegen falsch.
DAS SCHLAFZIMMER.
Das Bett war schon da.


Und manchmal ist das Richtige schon da.
Das ist übrigens keine romantische Haltung.
Es ist eine ziemlich praktische.
Was ich behalten kann, muss ich nicht kaufen.
Was ich aufarbeiten kann, muss nicht produziert, transportiert und entsorgt werden.
Und was zum Haus gehört, muss ich später nicht mühsam durch etwas ersetzen, das so aussehen soll, als gehöre es zum Haus.
Das ist für mich auch Nachhaltigkeit.
Nicht als Etikett.
Sondern als ziemlich banale Frage:
Muss das wirklich weg?
Manchmal lautet die Antwort ja.
Oft genug lautet sie nein.
Und manchmal braucht ein dunkler alter Schrank tatsächlich nur ein bisschen Weiß.

