GESCHICHTE.

Wie man Räume zeigt.

Vom Rapidographen über 3D-CAD und professionelle Renderings bis zur KI: Wie sich in drei Jahrzehnten verändert hat, wie ich Architektur sichtbar mache – und warum das Bild den Raum trotzdem nicht versteht.

Als ich 1994 mein Architekturstudium begann, wurde noch mit der Hand gezeichnet. Mit Rapidographen, Bleistiften, Transparentpapier und Markern. Copic-Stifte waren für Studenten sündhaft teuer, aber man brauchte sie natürlich trotzdem. Linien hatten Gewicht. Farbe musste entschieden werden. Und wenn etwas nicht funktionierte, konnte man nicht eben auf „zurück“ klicken.

Ich mochte das.

Nicht aus Nostalgie. Eine Handzeichnung zwingt einen zu einer unmittelbaren Auseinandersetzung mit dem Raum. Jeder Strich ist eine Entscheidung. Jede Perspektive muss man sich erst vorstellen, bevor man sie zeichnet. Jede Änderung kostet Zeit.

Das Reißbrett kannte ich da längst. CAD übrigens auch. Im Architekturstudium war der Computer damals aber noch keineswegs das selbstverständliche Entwurfswerkzeug, als das er heute erscheint. Gezeichnet wurde von Hand. Und das hatte seine eigene Schönheit. Und seine eigene Disziplin.

Ein paar Jahre später sah das schon anders aus.

1999 · Der Raum wird berechnet

Für unsere Diplomarbeit hatten wir keine große Lust auf Modellbau. Statt ein Gebäude aus Pappe und Graukarton zusammenzukleben, wollten wir lieber einen virtuellen Rundgang durch unseren Entwurf zeigen. Das war damals nicht gerade Standard, aber technisch denkbar. Theoretisch jedenfalls.

Wir waren ausgesprochen stolz auf uns, weil wir ungefähr zwei Wochen vor der Diplomabgabe mit dem Entwurf fertig waren. Zwei Wochen waren ein geradezu luxuriöser Zeitpuffer. Also stellten wir zwei Rechner in dem Architekturbüro auf, in dem ich damals arbeitete, richteten den Rundgang ein und drückten auf Start.Dann rechneten die Computer.

Oder vielmehr: Sie teilten uns mit, wie lange sie zu rechnen gedachten. Zwei Jahre, acht Monate und 27 Tage. Unsere zwei Wochen waren damit geringfügig zu knapp bemessen.

Aus dem Film wurde nichts. Statt des virtuellen Durchgangs zeigten wir am Ende einzelne 3D-Bilder. Das Diplom bekam trotzdem eine 1.

Ich habe diese Zahl nie vergessen. Nicht nur, weil sie komisch war. Sondern weil sie ziemlich genau beschreibt, wie groß damals die Entfernung zwischen einer Idee und ihrem Bild noch sein konnte. Man konnte einen Raum bereits dreidimensional bauen. Man konnte Kameras hineinstellen. Man konnte Licht definieren und Oberflächen zuweisen. Nur anschauen ließ sich das Ganze mitunter erst in einer anderen Lebensphase.

2022 · Das Bild wird zum Produkt.

Fast 25 Jahre später ließ ich für ein eigenes Bauvorhaben professionelle Innenraumvisualisierungen erstellen. Diesmal keine groben CAD-Perspektiven, sondern Bilder mit Licht, Materialien, Möbeln, Textilien, Spiegelungen und Atmosphäre. Visualisierungen, die fast wie Fotografien wirken und ein Haus schon zeigen, bevor es überhaupt gebaut ist.

Das ist eine eigene Disziplin. Und sie kostet entsprechend. Mit guten Gründen. Solche Bilder brauchen Zeit, Erfahrung, Software und einen präzisen Umgang mit Raum, Material und Stimmung. Bei einem größeren Projekt wird daraus schnell ein erheblicher Kostenfaktor.

Die Bilder waren hervorragend.

Und trotzdem saß ich davor und dachte bei manchen Details: ein anderer Blickwinkel wäre besser. Das Licht vielleicht etwas ruhiger. Die Leuchte anders. Der Stoff heller. Der Raum einen Tick weniger dekoriert. Jede Variante bedeutet neue Arbeit. Das Bild ist längst nicht mehr nur Darstellung eines Entwurfs. Es ist selbst ein Produkt geworden.

2026 · Das Bild wird wieder beweglich.

Und dann kam KI. Plötzlich kann ich Räume nicht nur planen oder beschreiben, sondern innerhalb kurzer Zeit sichtbar machen. Ich kann Stimmungen ausprobieren, Materialien testen, Varianten durchspielen, Blickrichtungen verändern, Leuchten austauschen, Vorhänge ergänzen, Farben verschieben.

Das ist ein enormer Gewinn. Und ja: Es spart Geld. Wer schon einmal für Visualisierungen mehrere Tausend Euro ausgegeben hat, versteht sehr schnell, warum KI attraktiv ist. Was früher ein eigener, teurer Arbeitsschritt war, lässt sich heute in vielen Fällen selbst anstoßen, ausprobieren und weiterentwickeln.

Aber die Arbeit verschwindet nicht. Sie verschiebt sich. Die KI entscheidet nicht, welchen Raum ich haben will. Sie weiß nicht, warum dort eine Tür sitzt, welche Wand tragend ist, warum ein Material an dieser Stelle sinnvoll ist oder weshalb eine bestimmte Leuchte den ganzen Raum ruiniert. Sie produziert Möglichkeiten. Die Auswahl, die Präzisierung, die Korrektur und vor allem das Urteil bleiben beim Menschen. Und manchmal ist ausgerechnet das der anstrengende Teil.

Wer schon einmal stundenlang versucht hat, einer KI verständlich zu machen, dass eine Wand dort bleiben soll, wo sie ist, ein Fenster nicht spontan verschwinden darf und ein Stuhl tatsächlich vier Beine braucht, weiß, dass auch die vermeintlich mühelose Bilderzeugung ihre eigenen Formen des Wahnsinns kennt.

Nur zwei Jahre, acht Monate und 27 Tage braucht sie dafür meistens nicht mehr.

Wenn die KI selbst Architekt spielen will.

Vor einiger Zeit arbeitete ich an einer Website für ein Immobilienprojekt. Von Anfang an hatte ich vorgeschlagen, die Grundrisse nicht in der üblichen Rendering-Optik zu zeigen, sondern als Bleistiftzeichnungen. Gerade weil heute fast alle Immobilienseiten mit denselben weichgeleuchteten Innenraumbildern arbeiten, schien mir das die interessantere Lösung.

Die Zeichnungen kamen lange nicht zustande. Also hieß es irgendwann: Dann macht man das eben mit KI. Das klang vernünftig. Ich hatte nur bis dahin noch keine KI gesehen, die solche Zeichnungen wirklich überzeugend hinbekam.

Also probierte ich es selbst. Ich brauchte sechzehn Grundrisse. Vier gelangen überraschend gut. Beim fünften begann die Sache zu kippen. Es handelte sich um Doppelhaushälften, und plötzlich zeichnete die KI Fenster in Wände, hinter denen sich in Wirklichkeit die andere Haushälfte befand. Als ich das kritisierte, reagierte sie, sagen wir, eigensinnig und stellte mir Betten ins Wohnzimmer.

Damit war die Grenze ziemlich klar markiert. Die KI konnte die Anmutung einer Bleistiftzeichnung erzeugen. Sie konnte sogar so tun, als verstünde sie, was ein Grundriss ist. Aber sie verstand die Architektur nicht zuverlässig genug, um sechzehn zusammenhängende, plausible und präzise Zeichnungen daraus zu machen.

Man könnte auch sagen: Irgendwann werden Bildgeneratoren kreativ und halten sich selbst für Architekten.

Was sich wirklich verändert hat.

Der interessante Unterschied liegt für mich deshalb nicht nur in der Geschwindigkeit. Auch nicht nur in den Kosten. Es hat sich die Rolle des Bildes verändert. Die Handzeichnung war eng mit dem Denken verbunden. Das frühe 3D-Modell konnte einen Raum bereits präzise konstruieren, ihn aber nur mit erheblichem technischen Aufwand sichtbar machen. Das professionelle Rendering perfektionierte die Illusion des noch nicht Gebauten.

Und KI macht heute etwas anderes: Sie ermöglicht, Bilder bereits während des Denkens zu erzeugen. Nicht eines. Viele.

Das ist ein enormer Vorteil – solange man nicht verwechselt, was man da sieht. Denn ein KI-Bild ist kein Beweis dafür, dass ein Raum genau so gebaut werden kann. Es ist zunächst ein Vorschlag. Manchmal ein sehr guter. Manchmal vollkommener Unsinn. Und manchmal etwas dazwischen, das gerade deshalb interessant ist, weil es eine Idee plötzlich sichtbar macht.

Warum es bei SALON BAUKUNST KI-Bilder gibt.

Viele der Räume, Häuser und Ideen, die hier auftauchen, existieren noch nicht. Manche werden gebaut werden. Manche bleiben Entwurf. Manche dienen vor allem dazu, eine Möglichkeit sichtbar zu machen.

Früher hätte ich dafür gezeichnet. Später hätte ich rendern lassen. Heute benutze ich zusätzlich KI. Nicht, weil Entwerfen dadurch überflüssig geworden wäre. Sondern weil ein Werkzeug hinzugekommen ist, mit dem sich Gedanken erstaunlich schnell in Bilder übersetzen lassen. Das spart Geld. Es spart manchmal Zeit. Und es eröffnet Spielräume, die man früher aus Kostengründen oder schlicht aus Mangel an Rechenleistung gar nicht verfolgt hätte. Aber es ersetzt weder Erfahrung noch Urteil. Die KI ist eine sehr gute Stütze. Mehr nicht. Und das ist schon eine ganze Menge.

Vielleicht hat sich in all den Jahren nämlich eines gar nicht verändert: Ein Bild kann einen Raum zeigen. Verstehen muss man ihn trotzdem selbst.