HAUSWISSEN.

1 € oder 80.000 €?

Ein Haus für einen Euro. Daneben eines für 80.000. Welches ist billiger? Das wissen wir erst, wenn wir beide Häuser gelesen haben. Denn der Kaufpreis ist bei einem alten Haus nur die erste Zahl.

Ein Haus in Italien für einen Euro. Daneben eines für 80.000. Welches ist günstiger?

Das wissen wir erst, wenn wir beide Häuser gelesen haben.

Denn der Kaufpreis ist bei einem alten Haus nur die erste Zahl. Und manchmal nicht einmal die wichtigste.

Ein Euro ist ein ziemlich guter Preis.

Dagegen lässt sich wenig sagen.

Die italienischen Case a 1 Euro sind auch keine Erfindung windiger Immobilienmakler. Verschiedene Gemeinden verkaufen tatsächlich leerstehende Häuser zu symbolischen Preisen, um historische Ortskerne wiederzubeleben.

Für diesen Euro bekommt man vor allem eines: ein Projekt.

Und häufig die Verpflichtung, dieses Projekt innerhalb bestimmter Fristen umzusetzen.

Schauen wir uns das Haus genauer an.

Hat es ein funktionierendes Dach? Sind Decken und Tragwerk in Ordnung? Gibt es Strom, Wasser und Abwasser? Funktionierende Fenster? Eine Heizung? Ein benutzbares Bad? Ist das Haus trocken? Stimmt der gebaute Zustand mit den Genehmigungen überein? Kann man überhaupt darin wohnen?

Mit jeder Antwort verändert sich der tatsächliche Preis.

Das Dach für 0 Euro gibt es nicht.

Nehmen wir zwei Häuser.

Haus A kostet 1 Euro.

Dach neu. Decken teilweise erneuern. Fenster neu. Elektro neu. Wasser neu. Heizung neu. Bad neu. Böden neu. Putz teilweise neu. Dazu Planung, Statik, Genehmigungen und Baustelleneinrichtung.

Haus B kostet 80.000 Euro.

Das Dach ist dicht. Die Konstruktion funktioniert. Strom und Wasser sind vorhanden. Das Bad ist hässlich, aber benutzbar. Die Küche stammt aus einer Zeit, über die wir nicht sprechen müssen. Und die Wände haben eine Farbe, die sofort verschwinden darf.

Welches Haus ist jetzt günstiger?

Ein altes Bad kann ein Vermögenswert sein.

Nicht weil es schön ist.

Sondern weil es funktioniert.

Dasselbe gilt für ein dichtes Dach, eine brauchbare Elektroinstallation, intakte Fenster, einen vorhandenen Hausanschluss oder eine funktionierende Treppe.

Das alles sieht auf Immobilienfotos wenig spektakulär aus.

Aber jedes Bauteil, das nicht ersetzt werden muss, ist Geld, das nicht ausgegeben wird.

Und dann gibt es Kosten, die man nicht fotografieren kann.

Planung. Genehmigungen. Statik. Gerüst. Baustelleneinrichtung. Entsorgung. Anfahrt. Anschlüsse. Gutachten. Gebühren.

Vielleicht eine Stützmauer. Vielleicht eine Zufahrt, die für einen Betonmischer überhaupt erst funktionieren muss.

Bei einem sehr günstigen Haus können diese Positionen plötzlich erstaunlich groß werden.

Und auch Zeit kostet.

Ein bewohnbares Haus kann man kaufen und zunächst benutzen. Dann kommt nächstes Jahr das Bad, später die Küche, irgendwann die Terrasse.

Ein nicht bewohnbares Haus erlaubt diese Freiheit möglicherweise nicht. Während der Sanierung braucht man eine andere Unterkunft, fährt zur Baustelle, organisiert Handwerker, wartet auf Lieferungen – und aus den geplanten zwölf Monaten werden vielleicht achtzehn.

Auch das gehört zum Preis eines Hauses.

Bedeutet das, dass man kein 1-Euro-Haus kaufen sollte?

Überhaupt nicht.

Es kann ein wunderbares Projekt sein.

Gerade wenn man genau dieses Haus retten möchte. Wenn man Zeit hat. Wenn man selbst viel machen kann. Wenn man Lust auf eine Baustelle hat. Und wenn das Budget nicht bei einem Euro endet.

Nur sollte man es aus dem richtigen Grund kaufen.

Weil man das Projekt will.

Nicht, weil man glaubt, für einen Euro ein fertiges Haus gefunden zu haben.

Und das 80.000-Euro-Haus?

Kann trotzdem das schlechtere Geschäft sein.

Vielleicht ist das Dach nur scheinbar in Ordnung. Vielleicht wurde ohne Genehmigung angebaut. Vielleicht sitzt Feuchtigkeit hinter frisch gestrichenen Wänden. Vielleicht muss die gesamte Haustechnik heraus.

Ein höherer Kaufpreis garantiert gar nichts.

Deshalb hilft nur: anschauen, Unterlagen prüfen, Bestand verstehen, rechnen.

Die interessante Zahl steht ganz unten.

Beim Hauskauf vergleichen wir gern Kaufpreise.

Bei einer Sanierung würde ich lieber eine andere Zahl vergleichen:

Was kostet mich dieses Haus, bis es das Haus ist, in dem ich leben möchte?

Kaufpreis. Nebenkosten. Notwendige Sanierung. Gewünschter Umbau. Planung. Außenanlagen. Reserve. Und vielleicht ein paar Jahre Arbeit.

Erst dann stehen Haus A und Haus B wirklich nebeneinander.

Und plötzlich kann das Haus für 80.000 Euro das Schnäppchen sein. Oder das für einen Euro. Der Preis verrät es uns nur nicht.