GESCHICHTE.

Besser als auf den Fotos.

Cilento, September 2024
Sie kannten jedes Foto. Das Haus kannten sie noch nicht.

Das erste Haus war auf den Fotos besser gewesen. Das war bereits nach drei Minuten klar.

Elena stand in einer Küche, die auf dem Bildschirm ungefähr doppelt so groß ausgesehen hatte. Der Makler öffnete eine Tür. Dahinter war eine Wand.

„Ripostiglio“, sagte er.

Markus drückte mit dem Daumen gegen einen Fensterrahmen. Ein Stück davon blieb an seinem Finger. Elena sah ihn an.

„Nichts“, sagte Markus.

Eine halbe Stunde später standen sie wieder am Auto.

„Das ging schnell.“

Markus betrachtete das Holzstück in seiner Hand und warf es in den Straßengraben.

„Ich glaube, das gehörte zum Haus.“

Am nächsten Morgen fuhren sie zum zweiten Termin. 29.000 Euro. Das Haus, wegen dem sie überhaupt hier waren.

Nach der Erfahrung vom Vortag hatte Elena ihre Erwartungen korrigiert. Meerblick konnte eine blaue Ecke zwischen zwei Dächern bedeuten. Bewohnbar offenbar auch, dass irgendwo ein Bett stand. Und bei Grundstücksgrößen hatte sie inzwischen beschlossen, nur noch zu glauben, was sie selbst ablaufen konnte.

Der Makler wartete vor dem Haus. Von außen sah es genauso aus wie auf den Bildern. Vielleicht ein bisschen kleiner. Markus ging einmal um die Ecke, bevor sie überhaupt hineingingen.

„Kommst du?“, fragte Elena. „Gleich.“

Das Erdgeschoss war kühl. Eine Küche. Ein Tisch. Stühle. Geschirr in einem Schrank. Ein Sofa, das Elena nicht behalten wollte, obwohl es vermutlich schon mehrere Besitzer des Hauses überlebt hatte.

Sie ging von Raum zu Raum. Nichts war besonders schön. Aber alles war da.

Oben standen Betten. Schränke. Noch ein Tisch. Die Fenster ließen sich öffnen. Wasser kam aus den Hähnen. Das Bad war ein Bad und keine angekündigte zukünftige Möglichkeit eines Bades.

Markus öffnete Fenster. Schloss sie wieder. Sah nach oben. Klopfte gegen eine Wand. Ging zurück auf den Flur. Elena wartete.

„Und?“ „Mhm.“

Sie kannte dieses Mhm. Es war nicht das Mhm vom Vorabend.

„Was heißt das?“ „Erst mal nichts.“

Der Makler redete inzwischen über Quadratmeter. Markus hörte nur halb zu. Elena öffnete eine Tür nach draußen. Das Grundstück hatte auf den Fotos wie ein etwas zu groß geratener Schrebergarten ausgesehen. In Wirklichkeit ging es weiter. Hinter dem Haus. Neben dem Haus. Zwischen Bäumen hindurch. Ein Stück den Hang hinunter. Sie lief los.

„Elena.“ „Was?“ „Wir sind noch nicht fertig.“ „Ich schon.“

Sie ging weiter. Das Gras war trocken. Irgendwo zirpten Zikaden. Zwischen zwei Bäumen stand ein kleines Gebäude, das auf den Bildern entweder nicht zu sehen gewesen war oder das Elena für einen Schuppen gehalten hatte. Sie zeigte darauf.

„Was ist das?“

Der Makler kam hinterher.

„Cantina.“

Markus sah hinüber.

„Mhm.“

Elena beschloss, später zu fragen. Dann drehte sie sich um. Von hier sah das Haus anders aus. Nicht größer und nicht schöner. Aber plötzlich verstand sie, dass es nicht nur um die Zimmer ging. Hinter den Bäumen wurde der Horizont blau.

„Markus.“

Diesmal kam er. Sie standen nebeneinander und sahen hin. Das Meer war weiter weg, als die Anzeige vermuten ließ. Aber es war da. Niemand sagte etwas.

Am nächsten Morgen fuhren sie noch einmal hin. Es gab keinen Termin. Sie stellten das Auto ein Stück entfernt ab und gingen die Straße entlang. Das Tor war geschlossen. Sie konnten nicht ins Haus. Das war vielleicht ganz gut.

Sie sahen die Nachbarhäuser. Die Zufahrt. Wo morgens Schatten lag. Wo die Sonne auf die Fassade fiel. Sie hörten einen Hund, ein Auto und lange nichts. Markus blieb vor dem Tor stehen. Elena ging noch ein Stück weiter und wieder zurück.

„Wir stehen hier jetzt seit zwanzig Minuten.“ „Mhm.“ „Das ist Privatbesitz.“ „Noch.“

Elena sah ihn an. Markus ging zum Auto. Sie stiegen ein. Er steckte den Schlüssel ins Zündschloss. Elena wartete.

„Und?“

Markus sah noch einmal zum Haus.

„Besser als auf den Fotos.“